Evangelische Kirche Eichwalde

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Ansichtskarte der evangelischen Kirche
Evangelische Kirche 2011
Ansichtskarte der Kirche von 1909
Ansichtskarte von 1909 (Rückseite)
Auftragsbuch vom Orgelbauer Weigle
Eichwalder Orgel 1909
Eichwalder Orgel 2013

Die Kirche wurde im neugotischen Stil von 1906-1908 nach Plänen von Prof. Zaar erbaut und steht heute unter Denkmalschutz. Mit 47 m ist die Kirche das höchste Bauwerk von Eichwalde.

Der Altar wurde im Jugendstil nach dem Entwurf des Berliner Baumeisters Prof. Roloff errichtet. Die Anregung dazu soll die Kaiserin Viktoria Auguste gegeben haben, die auch eine noch heute vorhandene Bibel mit Widmung stiftete.

Die größte Kostbarkeit dürfte wohl die Parabrahm-Orgel sein. Das letzte Exemplar wurde 2002 nach erfolgreicher Restauration wieder eingeweiht. Eine Übersicht der Orgelkonzerte findet man auf den Seiten der evangelischen Kirchengemeinde.

Quellen


Entdeckungen auf einer alten Postkarte aus Eichwalde

Historische Postkarten sind bei vielen Menschen ein begehrtes Sammlerobjekt. Interessant sind Motive aus Großmutters Zeiten und viel früher. Aber wer interessiert sich schon für ihre beschrieben Rückseiten? So ging es auch mir bis vor einiger Zeit. In Eichwalde ist die abgebildete Ansichtskarte unter Postkartensammlern bekannt, als retuschierte Ansichtskarte wurde sie sogar neu aufgelegt.

Gelegentlich einer Ausstellung alter Ansichtskarten unseres Ortes in der ALTEN FEUERWACHE zeigten wir das Original. Dort war zum einen die evangelische Kirche mit Bleistift eingezeichnet, zum anderen auf der Rückseite eine kurze Notenzeile geschrieben. Als Hobbymusiker hatte mich die Melodie interessiert. Da ich die alte Sütterlin-Schrift nicht lesen kann, wandte ich mich an den damaligen Ortschronisten Herrn Brandthorst mit der Bitte, mir die Liedzeile zu „übersetzen“. Der machte sich gleich über den ganzen Kartentext her. Das Lied „Kein Tropfen mehr im Becher“ ist ein lustiges Volkslied, zurzeit der abgestempelten Ansichtskarte sehr populär. Hellhörig wurde ich, als Herr Brandhorst mir was von Echterdingen als Bestimmungsort der Postkarte sagte. Mein Blick fiel sofort auf den Poststempel, der das Datum 22.2.1909 trägt. Mein Kopf arbeitete wie ein schneller Mikroprozessor auf Hochtouren. Ich vermutete irgendetwas in Zusammenhang mit der Eichwalder Kirchenorgel. Vorausschicken muss ich, dass ich als Mitglied der evangelischen Gemeinde mit der Restaurierung der Eichwalder Orgel vor 8 Jahren zu tun hatte und dort ehrenamtlich die Orgelkonzerte organisiere. Darum kenne ich in etwa die Geschichte des Instruments.

Tatsächlich kam ich rasch auf des Pudels Kern. In Echterdingen ist nämlich die Orgelbaufirma Weigle beheimatet, die unsere Orgel vor über 100 Jahren baute. Konkret wurde sie zusammen mit der Kirche am 15.12.1908 eingeweiht. Also ein knappes Vierteljahr bevor die Postkarte in Umlauf kam.


Liest man nun den eigentlichen Postkartentext, kommt noch mehr Klarheit in das Ganze:

Sämtlichen Hörern soeben das Trommelfell geplatzt! Also Zweck total erreicht. Kirchenfenster leider bis jetzt noch intakt. Beim nächsten Bau wollen wir versuchen, das Versäumte nachzuholen. Also mehr Druck! Weitere Mensur!

Gruß Bartes, E. Moll

(weitere Namen sind nicht auszumachen)


Von ihrer technischen Anlage her kann die Eichwalder Orgel sehr lautstark klingen. Die Hochdruckpfeifen sind hier etwas Besonderes. Zudem kombiniert mit einem eingebauten Harmonium, ist sie auf ihre Weise sogar einmalig in Deutschland und vermutlich weltweit. Also ist der scherzhaft gemeinte Hinweis mit dem geplatzten Trommelfell berechtigt.

Gibt man einer Orgelpfeife mehr Druck, wird sie lauter. Das ist bei allen Blasinstrumenten gleich. Unter dem Begriff Mensur versteht man im Orgelbau die Weite der Pfeifen. Verändert man den Durchmesser, ändert sich der Pfeifenton. All dies sind klare Beweise, dass die Orgelbauer die Autoren der Ansichtskarte sind. Ein letzter Hinweis ist die scherzhafte Unterschrift E. Moll (Tonart e-moll).

Von großem Interesse war für mich nunmehr, warum die Echterdinger Orgelbauer zwei Monate nach der vermutlichen Orgeleinweihung noch immer an dem Instrument zu tun hatten. Oder wurde die Orgel erst später als die Kirche selbst fertiggestellt? Einen guten Hinweis erhielt ich vom Orgelbauer Christian Scheffler aus Sieversdorf bei Frankfurt/Oder. Seine Firma hatte 2002 die Restaurierung des Eichwalder Instruments in der Hand. Der Meister meinte, dass man oft Orgeln einweiht und hinterher noch an Ihnen nacharbeiten muss. Eine andere Auskunft gab Herr Bühler aus Süddeutschland, ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma Weigle: „Wenn kurz vor Einweihung einer Kirche noch mit Staub und Dreck zu tun ist, arbeitet kein Orgelbauer an einer Orgel.“ Haben die Leute also doch erst später die Orgel fertig gestellt?

Das machte mich unsicher. So suchte ich im Berliner Kirchenarchiv nach mehr Klarheit. Ich fand zu meiner Freude viele Unterlagen bezüglich der Eichwalder Orgel. Unter anderem das Programm zur Kircheneinweihung am 15.12.1908. Dort wird ganz eindeutig das Orgelspiel erwähnt. Sehr aufschlussreich sind zudem die Unterlagen, die die Vorgeschichte der Orgel betreffen. Im Orgelbauvertrag ist als Fertigstellungstermin Juni 1908 ausgewiesen.

Immer noch nicht war ich mir hundertprozentig über den wahren Fertigstellungstermin sicher. Im Internet kam ich der Firma Weigle auf die Spur. Tatsächlich gibt es eine Nachfolgefirma in St. Johann bei Upfingen. Und es kommt noch besser: Auf Anfrage erhielten wir eine eindeutige Auskunft. Die St. Johanner Mitarbeiter schickten mir eine Kopie aus dem Auftragsbuch mit dem Hinweis auf unsere Orgel. Demnach ist sie im September 1908 vor der Kircheneinweihung fertig gestellt worden.

Quasi als Höhepunkt der ganzen Forschung erhielten wir ein sogenanntes Werksfoto, eine vorzügliche Ansicht der Eichwalder Orgel aus ihrer frühen Zeit. Deutlich sieht man die Ausmalung mit den Posaunenengeln links und rechts der Orgel auf der Empore. Von solch’ einer historischen Aufnahmen haben wir in Eichwalde immer mal geträumt. Die Engel waren bei den Restaurierungsmaßnahmen des Emporengewölbes fast nur zu erahnen. Was doch so eine schlichte Postkarte alles bewirken kann!

Die Zeichnung der Kirche auf der Ansichtskarte ist demnach von den Orgelbauern gemacht worden. Dass sie den Bau nicht an der richtigen Stelle eingezeichnet hatten, verzeiht man ihnen. Zu jener Zeit gab es den Bau ja noch nicht. Standort des Fotografen ist der Eichwalder Romanusplatz, eigentlich auch der Ursprung Eichwaldes. Dort steht seit 1914 die Katholische Kirche. Gut zu erkennen sind links die Schule in ihrem ersten Bauabschnitt und in der Bildmitte das Rathaus in seiner damaligen Form. Auf der neu herausgegebenen Ansichtskarte mit dem beschriebenen Motiv hat der Herausgeber die Bleistiftzeichnung der Kirche übrigens wegretuschiert.

Was die Suche nach dem Notenbild bewirkt hat, ist fast nicht zu beschreiben. In der Forschung der Geschichte der Eichwalder Kirchenorgel war ich so ein entscheidendes Stück weiter gekommen.

In der Arbeitsgruppe Ortsgeschichte werden uns immer wieder Unterlagen, Fotos und Dokumente aus Nachlässen übereignet oder zum Kopieren angeboten. Darin verbergen sich kleine und große Schätze, welche die Personen, die uns solche Materialien bringen, gar nicht vermuten. Aus meiner Erfahrung kann ich nur daran appellieren, alte Fotos, Briefe, persönliche Dokumente nicht einfach zu vernichten. In den meisten Orten gibt es Ortschronisten oder Gruppen, die sich mit ihrer Heimatgeschichte befassen. Dort sind derartige Fundstücke gut aufgehoben.


Text: Burkhard Fritz


Fotos: Eichwalder Orgel 2013, Burkhard Fritz, Eichwalde

Ansichtskarte 1909 , Archiv Oliver Hein, Eichwalde

Auftragsbuch und Eichwalder Orgel 1909, Fa. Weigle, St. Johann/Upfingen