Hertzog Person und Kaufhaus

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Kaufhaus Hertzog
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Der Großvater von Rudolph Hertzog und Begründer der Kaufhausdynastie, Rudolph Carl Hertzog, wurde am 15. Juni 1815 in Berlin in eine Familie von Tuch- und Seidenhändlern geboren und starb am 2. Mai 1894 im böhmischen Karlsbad. Nach einer Kaufmannslehre in Berlin und Aufenthalten unter anderem in Frankfurt und Lyon eröffnete er 1839 in der Breiten Straße Nr. 13 ein „Manufactur Waaren-Geschäft“, die Geburtsstätte des Kaufhauses Hertzog. Neun Jahre später wurde der Laden zwei Hausnummern weiter verlegt und ab 1867 ständig erweitert, sodass er schließlich die gesamte Straßenfront einnahm. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Block großenteils zerstört und die Reste später im Zuge der Neugestaltung der Brüderstraße abgerissen. Das einzige heute noch vorhandene Gebäude wurde 1908/1909 von Gustav Hochgürtel errichtet und steht unter Denkmalschutz, die im Krieg beschädigte Fassade wurde in den 1960er Jahren später restauriert.

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Hertzog Person und Kaufhaus

Nach dem Tod des Großvaters übernahm sein Enkel Rudolph Hertzog (23.5.1881 - 19.11.1955) das Unternehmen und baute es im großen Stil aus. Ebenso wie der Firmengründer war auch er ein fortschrittlich denkender und weltoffener Mann, der schon zwei Jahre nach der Übernahme einen Um- und Ausbau des Ladengeschäfts zum größten Kaufhaus Berlins mit einer Fläche von 14.400 qm plante. Die Geschäftseröffnung 1839 war – was damals ein Novum war – mit großen Zeitungsanzeigen angekündigt worden und außerdem war Hertzog Senior vermutlich in Berlin auch der erste gewesen, der seine Waren zu Festpreisen verkaufte.

Unter der Ägide von Hertzog Junior setzte sich die Erfolgsgeschichte fort. Die in Berlin angebotenen Möbel, Teppiche, Modewaren und Stoffe wurden auf Bestellung auch an die Kunden verschickt und neben den Warenkatalogen gab man nun auch andere Druckerzeugnisse heraus, darunter die so genannte Agenda, einen in Buchform gebundenen Kalender mit zahlreichen Bildern, der bald auch von anderen Kaufhäusern kopiert wurde. Er enthielt neben Angaben zum Unternehmen auch einen umfangreichen Serviceteil mit Stadtplan, Fahrplänen, Theaterspielplänen, Kochrezepten und vielem anderen mehr und ist noch heute eine Fundgrube für alle historisch Interessierten. In Swakopmund, in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika, wurde eine Niederlassung gegründet und 1908 lag der Umsatz (einschließlich der Filiale in Deutsch-Südwest) mit 40 Millionen Mark weit über dem der Berliner Konkurrenz. Um 1914 wurden zur Warenanlieferung 60 Güterzüge mit jeweils 25 Waggons benötigt, während 1839 drei Pferdefuhrwerke ausgereicht hatten. Um dieselbe Zeit wurden pro Jahr etwa 400.000 Warensendungen verschickt. Das Kaufhaus hatte zudem auch seine eigenen Produktionswerkstätten für Bekleidung, Teppiche und Flaggen.

Bereits Hertzog Senior hatte sich – für die damalige Zeit sehr fortschrittlich - für die sozialen Belange seiner Mitarbeiter eingesetzt, dies wurde von seinem Enkel fortgeführt. Es gab eine umfangreiche Hausbibliothek, eine eigene Lehrlingsschule, eine Familienstiftung, aus der eine Unterstützungskasse finanziert wurde, eine Betriebskrankenkasse und ab 1895 auch eine Pensionskasse. Die Angestellten hatten Anspruch auf bezahlten Sommerurlaub und wurden in einer Betriebskantine verpflegt.

1909 wurde das Geschäft nochmals erweitert und verfügte als modernstes und luxuriösestes Kaufhaus der Stadt nun über Fahrstühle für die Kunden und über Kühlschränke zur Aufbewahrung der Pelze. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu Beginn der 1930er Jahre gingen die Geschäfte immer schleppender und Rudolph Hertzog trat etwa 1937 in die NSDAP ein. Das 100-jährige Jubiläum der Firma wurde entsprechend von den Nazis gefeiert und sie erhielt die höchste Auszeichnung der Industrie- und Handelskammer, die Goldene Medaille. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der gesamte Grundbesitz der Hertzogs in der Berliner Innenstadt von den Sowjets enteignet. Nach dem Tod von Rudolph Hertzog 1955 versuchten seine Söhne Rudolph und Karl an verschiedenen Standorten einen Neuanfang, dem jedoch kein Erfolg beschieden war. 1956 fand der letzte Räumungsverkauf statt.

Rudolph Hertzog (1881-1955) war als modern und fortschrittlich denkender Geschäftsmann bekannt, der es sich nicht nehmen ließ, die neuesten Errungenschaften der Technik auszuprobieren. So war er der erste, der in Berlin ein Auto fuhr (und es bei der Wahl des Kennzeichens – IA-1 – sogar auf einen Konflikt mit dem Kaiser ankommen ließ) und ein Motorboot besaß. Auch das erste Berliner Telefon war auf seinen Namen angemeldet und er war der erste, der für seine Postsendungen das Flugzeug benutzte.

Hertzog Villa Zeuthen

Rudolph Hertzog (1881-1955) hatte kurz nach der Jahrhundertwende Wally Puttkamer kennengelernt, die Tochter eines verarmten Adligen. Das Problem, dass auch sie selbst keinerlei Vermögen besaß und daher für den Reserveleutnant keine passende Partie darstellte, löste Hertzog dadurch, dass er ein 4612 qm großes Seegrundstück in Zeuthen kaufte und auf ihren Namen ins Grundbuch eintragen ließ. 1907 heirateten die beiden und erhielten zwei Jahre später die Genehmigung zum Bau eines „Landhauses“, in das sie 1910 einziehen konnten.

Den Auftrag für die Villa erhielt der Architekt Gustav Hochgürtel, das Ehepaar Hertzog hatte jedoch sehr eigene Vorstellungen, wie sie aussehen sollte: Wie ein Wasserschloss an der Loire – später sprach man auch von einer Ähnlichkeit mit dem Trianon in Versailles. Entsprechend luxuriös war die Einrichtung mit Kronleuchtern, wertvollen Teppichen und Seidentapeten. Da Hertzog ein Faible für alles Moderne besaß, wurde das Haus mit zahlreichen technischen Neuheiten ausgestattet, darunter einer Dunkelkammer und einem Kinoraum im Keller. Neben der Villa entstand auch ein Bootshaus für das Motorboot, das ebenfalls ein Novum für Berlin war. Bewohnt wurde das „Schlösschen“ im Sommer und an größeren Feiertagen und diente auch als Gästehaus.

Nach den Rechnungen betrug der Wert der Villa und der Nebengebäude etwas mehr als 446.000 Mark, für das Grundstück hatte Hertzog 68.000 Mark bezahlt. 1911 wurde der Steuerwert auf 223.100 Mark für die Gebäude und 89.700 Mark für das Grundstück festgesetzt, wofür halbjährlich 457,49 Mark an Grundsteuer zu zahlen waren.

Mit dem Einbruch der Kaufhausumsätze Anfang der 1930er Jahre musste die Familie ihren gewohnten Lebensstil aufgeben und kam nun im Sommer nicht mehr nach Zeuthen. 1932 beantragte Hertzog bei der Gemeinde eine Stundung und Ratenzahlung für eine Steuerschuld von knapp 700 Mark, unter anderem mit der Begründung, dass man jetzt nur noch in Berlin wohne. Wie von der Gemeinde festgestellt wurde, war eine weitere „wohnliche Nutzung“ der Villa tatsächlich ausgeschlossen, da sie bereits großenteils ausgeräumt war. 1934 wurde der Gemüsegarten für 20.000 Mark verkauft; mit dem Erlös wurden aber nicht die Steuerschulden bezahlt, sie stiegen im Gegenteil bis 1936 auf über 11.500 Mark.

Von den Kriegsereignissen war Zeuthen kaum betroffen. Nur einmal soll eine Fliegerbombe in das Hertzogsche Bootshaus eingeschlagen sein, die Villa und ein weiteres Gebäude blieben unversehrt. Am 25. April 1945 zog das sowjetische Militär in Zeuthen ein und requirierten das Grundstück mit der Villa sofort. Das Ehepaar Hertzog hatte sich inzwischen aus dem ausgebombten Berlin dorthin zurückgezogen und musste nun mit notwendigsten Habseligkeiten nach Eichwalde umziehen. Die russischen Soldaten reagierten auf den immer noch vorhandenen Luxus unterschiedlich – die gebildeteren bestaunten das Inventar, von den anderen wurde die Einrichtung zumindest teilweise zerstört. Die in der Villa einquartierten sowjetischen Offiziere ließen das, was an Wertvollem noch übrig war, in die Heimat abtransportieren und ansonsten diente der Rasen als Viehweide für die Verpflegung der Truppe.

Am 30. April 1947, ein halbes Jahr nach der Enteignung der Hertzogschen Immobilien in Berlin durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), verkaufte Wally Hertzog ihr Eigentum am Zeuthener See für 1.362.400 Reichsmark an das Sowjetische Ministerium für Außenhandel, die Übergabe erfolgte am 1. Mai 1947. Eine Erklärung für diesen äußerst ungewöhnlichen Vorfall gibt es bis heute nicht. Die Villa, die nun als „Haus der Erholung“ für Mitarbeiter der Handelsvertretung der UdSSR in der damaligen sowjetisch besetzten Zone und späteren DDR diente, wurde einigermaßen restauriert, was nicht zuletzt dem 1950 eingestellten ersten deutschen Hausmeister zu verdanken ist, und auch vom NKWD zur Unterbringung hoher Staatsgäste benutzt. In den folgenden 20 Jahren verfiel das Anwesen aber immer mehr und 1977 wurde es der DDR angeboten, die es für ihr Ministerium für Staatssicherheit übernahm. 1981 war die erneute Sanierung abgeschlossen, außer Stasi-Mitarbeitern wohnten in der Villa jedoch nur wenige Gäste. Nach 1989 kam das Gelände an die Treuhandanstalt, die es 1991 für zehn Millionen Mark an den Großunternehmer Peter Dussmann verkaufte. Heute dient es als Schulungszentrum und Gästehaus für die Dussmann-Gruppe.


Autor: Charlotte Blank

Quellen:

www.luise-berlin.de

www.wikipedia.de

www.wikipedia.de (Brüder-Straße

www.schulz-pearce.d

www.berlinonline.de

www.zeuthen.de