St. Pauli-Tunnel

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St. Pauli Tunnel - Fotomontage mit einem Chinesen

Geheime Tunnel unter St. Pauli? - Gerüchte über das „Chinesenviertel“ in den 1920er Jahren

Bis heute taucht gelegentlich das Gerücht auf, im St. Pauli der Zwischenkriegszeit habe es geheime Tunnel gegeben.(1) Jene wahrhaftige „Unterwelt“ sei von Chinesen geschaffen und genutzt worden, um unerkannt ihren Schmuggel- und Opiumhandel betreiben zu können. Was steckt hinter diesen spektakulären Vermutungen? Ist ein Mythos, ein Fantasieprodukt – oder beruht es auf wirklichen Begebenheiten?

In den 1920er Jahren ließen sich zunehmend chinesische Migranten in St. Pauli und dem damals noch preußischen Altona nieder.(2) Die chinesischen Männer – chinesische Frauen fehlten zu dieser Zeit fast gänzlich – kamen aus der südchinesischen Provinz Guangdong und hier meist aus der Umgebung (Siyi = die vier Bezirke) von Kanton. Chinesische Seeleute fuhren seit den 1890er Jahren auf englischen und deutschen Dampfschiffen und arbeiteten vornehmlich als Heizer und Trimmer (Kohlenzieher) – eine körperlich sehr anstrengende Tätigkeit, für die sie eine deutlich geringere Heuer als ihre europäischen Kollegen erhielten.(3) Wegen der Beschäftigungsverhältnisse gelangten Chinesen auch nach Westeuropa; in Hamburg, wie auch in London, Liverpool und Rotterdam, eröffneten ehemalige chinesische Seeleute ein eigenes Lokal, Geschäft oder Wäscherei und lebten vom Hafenbetrieb und insbesondere ihren regelmäßig in die Stadt kommenden Landsleuten. Während Hamburger wie der Heimatdichter Ludwig Jürgens von einem „Chinesenviertel“ sprachen, waren die statistischen Zahlen mit wenigen hundert Personen hingegen recht bescheiden und blieben weit hinter den bekannten US-amerikanischen Chinatowns in San Francisco und New York zurück.(4)

Es ist kein Zufall, dass chinesische Seeleute und Migranten sich in St. Pauli konzentrierten. Dies hatte zum einen ganz pragmatische Gründe, da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Hafenviertel der Hansestadt und überhaupt das größte und bekannteste seiner Art in Deutschland war. Seeleute verschiedenster Nationen gingen unmittelbar nach ihrer Ankunft im Hamburger Hafen nach St. Pauli und freuten sich nach häufig wochenlanger Fahrt auf ihre Freizeit und Erlebnisse an Land. Wegen der großen Ansammlung von Kneipen, Vergnügungsbetrieben und Prostituierten genoss St. Pauli weltweit unter Seeleuten einen „guten“ Ruf, während bürgerliche Sittenwächter angesichts alkoholischer und sonstiger Ausschweifungen den „Untergang des Abendlandes“ bemühten.(5)

Aufgrund seiner maritimen Mobilität und internationalen Atmosphäre galt St. Pauli seit dem frühen 20. Jahrhundert als internationales Zentrum der Kriminalität. Der ehemalige Berliner Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht war in seinen Schriften angesichts des bunten und internationalen Treibens geradezu fasziniert von St. Pauli, in das er inkognito „Erkundungsreisen“ unternommen haben will.(6) Neben Berlin gebe es hier „das ausgebreiteste Verbrechertum“, so Engelbrecht, mit den „gefährlichsten, aber auch interessantesten Verbrecherschlupfwinkel[n]“.(7) Die Chinesen in St. Pauli hatten es ihm besonders angetan und er will sogar eine wahrhaftige „Opiumhöhle“ aufgesucht haben, erlebte hier allerdings einen „bad trip“ und habe nach berauschten Träumen schlagartig das Etablissement voller Ekel verlassen müssen.(8)

Sicher ist: Chinesische Seeleute und Migranten haben in St. Pauli Opium geraucht und auch Schmuggelgeschäfte betrieben. Für einen nicht genauer zu bestimmenden Teil war Opiumrauchen nach entbehrungsreicher Arbeit eine Erholungsmaßnahme, ebenso wie der Alkoholkonsum europäischer Seeleute. Deutsche Seeleute haben sich allerdings ebenfalls die karge Heuer mit kleineren Schmuggelgeschäften aufgebessert und insgesamt war es keineswegs so, dass die wenigen chinesischen Männer in St. Pauli den großstädtischen illegalen Drogenhandel in Hamburg kontrolliert hätten.(9) Verglichen mit dem in den 1920er Jahren steigenden Kokainkonsum im hedonistischen Milieu der Großstadt fiel der Opiumschmuggel und das Opiumrauchen von Chinesen in St. Pauli kaum ins Gewicht.(10)

Dass sich das Bild von chinesischen „Opiumhöhlen“ in St. Pauli so fest verankern konnte, lag auch an der massenmedialen Darstellung (und Verzerrung) des Chinesenviertels. Als der Leiter der Staatlichen Pressestelle des Hamburger Senats, Alexander Zinn, Ende der 1920er Jahre über die Schwierigkeiten der Hamburg-Werbung in einem umfangreichen Positionspapier sinnierte, betonte er ausdrücklich, die binnenländische Vorstellung, nach der „Verbrecherkeller, Opiumhöhlen und Lasterquartiere in phantastischer Vielheit in Hamburg“ in seinen Hafenvierteln vorhanden seien, werde künstlich von medialen Produkten wie etwa dem Film „Die Carmen von St. Pauli“ (1928) künstlich genährt und habe kaum etwas mit der Wirklichkeit gemein.(11)

Ein Umstand sollte sich auf die Wahrnehmung chinesischer Migranten besonders einwirken: Viele chinesische Lokale und Wohnungen in St. Pauli lagen im Keller, da sie gerade für Ausländer leichter zu mieten und zudem günstiger waren. Dies war auch der Grund, weshalb andere Ausländer in Hamburg in Kellerwohnungen lebten wie etwa polnische Arbeitsmigranten im damals noch preußischen Harburg. Ein rein soziales Phänomen transformierten Hamburger in der Wahrnehmung der Chinesen damit in eine kulturelle und „rassische“ Eigenart, hinzu kam noch, dass in der westlichen Vorstellung Chinesen als undurchschaubar, hinterhältig und kriminell galten.(12)

In den 1920er Jahren gab es bereits vereinzelt Presseberichte über die Gerüchte eines geheimen Tunnelsystems der Chinesen, dieser „Schauerballade“, welche hartnäckig kolportiert werde.(13) „Tatsächlich“, war 1925 in den Hamburger Nachrichten zu lesen, „machte man vor etwa drei Jahren einmal die Beobachtung, daß in der Hafen- und Bernhardstraße [heute: Bernhard-Nocht-Straße] morgens die Ascheimer viel Sand und Steine enthielten, so daß der Gedanke einer chinesischen Kaninchenarbeit nahe lag. Ein von einem großen Aufgebot von Kriminalbeamten unternommener Überraschungsüberfall des verdächtigen Kellers brachte jedoch nichts Verdächtiges zutage.“(14) Es ist völlig ausgeschlossen, dass angesichts der intensiven polizeilichen Überwachung der Chinesen in St. Pauli diese unerkannt ein Tunnelsystem hätten ausgraben können. Die Zahl der Chinesen war dafür viel zu gering und die kleine ethnische Gruppe war nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher regionaler Herkunft auch keineswegs so verschworen, wie es für deutsche Augen den Anschein hatte.

Die Legende von geheimen Gängen der Chinesen in St. Pauli konnte sich auch aufgrund der einschlägigen Veröffentlichungen halten. Die Bezeichnung „Labyrinth“ für zusammenhängende chinesische Kellerwohnungen in der Schmuckstraße geht auf den ehemaligen Kriminalkommissar Helmut Ebeling und seine tendenziöse Kriminalgeschichte Hamburgs zurück.(15) In der Folge übernahmen andere recht unkritisch diese Darstellung: Der Hamburger Sinologe Bernd Eberstein erkannte ein „regelrechtes Unterwelt-Labyrinth“ in den Chinesenkellern in der Schmuckstraße, die miteinander verbunden gewesen seien und in denen sich nur Eingeweihte hätten orientieren können.(16) Auch Werner Skrentny wiederholte diese nicht haltbare These: „Rätselhafte Labyrinthe“ habe es hier gegeben.(17)

Zwar gab es tatsächlich einige von Chinesen bewohnte Keller, in denen Mauerdurchbrüche vorgenommen waren, um Landsleute dort besser einquartieren zu können. Es stimmt auch, das die Polizei bei ihren häufigen Razzien oftmals eine Zeit lang vor einer verschlossenen Tür warten musste bis ihr schließlich geöffnet wurde. Von undurchschaubaren Labyrinthen kann aber ebenso wie von einem geheimen Tunnelsystem nicht gesprochen werden. Dies entsprang ausnahmslos der westlichen Fantasie, welche das kulturelle Nichtverstehen ausfüllte, wobei der Alltag chinesischer Seeleute und Migranten gar nicht so grundverschieden war. Der bereits erwähnte Ludwig Jürgens brachte dieses Wahrnehmungsmuster folgendermaßen auf den Punkt: „Niemand weiß, was diese Menschen unter sich in den Wohnungen treiben. Ob sie wirklich dem Opium fröhnen oder der zweiten großen Nationalleidenschaft, dem Glücksspiel nachgehen, keiner vermag es zu sagen. Überraschende Razzien der Polizei sind immer fruchtlos.“(18) Die Polizei erklärte die ausbleibenden Fahndungserfolge mit einer angeblich ausgeprägten Listigkeit der Chinesen (und schöpfte dabei aus den populären Klischees): Die meist fehlenden Beweise konnten somit als Indiz für Kriminalität umgedeutet werden; für das Ausbleiben von handfestem Beweismaterial gab es damit von vornherein eine Erklärung.

Märchen über chinesische Tunnel kursierten interessanterweise nicht nur in Hamburg. Ähnliche Gerüchte gab es im frühen 20. Jahrhundert auch gegenüber US-amerikanischen Chinatowns, die sich ebenfalls als haltlos erweisen sollten.(19) In San Francisco und New York lebten chinesische Migranten ebenfalls häufig in Kellerwohnungen, was auch dort die Assoziation mit einer chinesischen Unterwelt begünstigte. Die übereinstimmenden Gerüchte offenbaren eine verzerrte westliche Wahrnehmung gegenüber chinesischen Migranten, in der sich gleicher Vorstellungen bedient wurde und die deshalb auch zu gleichen Imaginationen führte – geheime Tunnel in Chinesenvierteln.

Mit den spektakulären Gerüchten über die Chinesen in St. Pauli versuchten einige auch Geld zu verdienen. Der gelernte Buchhändler Alfons Zech entdeckte Mitte der 1930er Jahre das Thema für sich und schrieb einen rassistischen Kriminalroman, der in einem versuchten Fall von Frauenhandel eines chinesischen Migranten gipfelt.(20) Das Verhalten des chinesischen Oberkriminellen ist hier umso verwerflicher, da er der jungen Ausreißerin Veronika anfangs Hilfsbereitschaft vorgaukelt, sie später als Drogenkurier missbraucht, um sie schließlich als Sexsklavin nach China verkaufen zu wollen. Das Machwerk erschien genau zum Zeitpunkt, als Polizei und Behörden chinesischer Migranten in Hamburg noch einmal verstärkt überwachten. Während des Zweiten Weltkrieges verfolgten Beamte von Gestapo, Kriminalpolizei und Zollfahndungsstelle Hamburg dann ganz offensichtlich die kleine, auffällige ethnische Gruppe.(21) Am 13. Mai 1944 führten rund 200 Beamte die „Chinesenaktion“ in St. Pauli durch und verhafteten die letzten 130 in der Stadt befindlichen Chinesen. Gestapobeamte und SS-Männer misshandelten sie monatelang im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel und anschließend im „Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg“, wo die chinesischen Gefangenen unter katastrophalen Umständen Zwangsarbeit leisten mussten. Die Geschichte des maritimen „Chinesenviertels“ in St. Pauli war damit gewaltsam beendet worden. Die nicht verstummenden Gerüchte über kriminelle Chinesen beeinflussten auch NS-Täter und führten in der Nachkriegszeit dazu, dass die „rassische“ Verfolgung der Chinesen nicht als solche anerkannt wurde.

Text: Dr. Lars Amenda

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