Zwingenberg

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Zwingenberg liegt im südhessischen Kreis Bergstraße.

Reklamemarken und Siegelmarken

Verzeichnis der sortierten Reklamemarken und Siegelmarken mit einem Bezug zu Zwingenberg.

Deutsche Milchwerke

Sonstige

Geschichte

„Wann oder durch wen diese Stadt erbaut wurde, hat man keine eigentliche Nachricht, dass sie aber eine uralte Stadt sei, schließt man aus allen Umständen.[3]“

Der älteste Hinweis auf locum getwinc findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1012, in der König Heinrich II. dem Kloster Lorsch Jagdrechte schenkte. Der Ortsname weist darauf hin, dass Reisende an der Bergstraße zur Durchquerung der Stadttore gezwungen waren, da westlich der Stadt Sumpf und Auwald lag.

Durch Heirat der Hildegard von Henneberg kamen Teile der Bergstraße um 1135 an Heinrich II. von Katzenelnbogen (* etwa 1124; † 1160), der im Jahre 1138 von König Konrad III. zum Grafen erhoben wurde. Zwingenberg gehörte nun zur Grafschaft Katzenelnbogen mit dem Hauptort Katzenelnbogen. Diese Grafschaft bestand aus zwei Teilen, der sog. Niedergrafschaft, am Rhein um Sankt Goar gelegen, sowie der südhessischen Obergrafschaft.[4]

Zum Schutz seiner südlichsten Besitzungen an der Bergstraße und seiner Zolleinnahmen baute Graf Diether IV. in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Unterburg in Zwingenberg und eine Hochburg, das Auerbacher Schloss über Auerbach.

1258 erhielt Diether V. von Katzenelnbogen das Recht, eine Kirche in Zwingenberg zu errichten:

„Dompropst Werner, Domdekan Johann und das Domkapitel zu Mainz sowie Propst Ludwig von St. Viktor daselbst bekunden, dass die Einwohner von Zwingenberg zum Anhören des Wortes Gottes und Empfang der Sakramente wegen weiter Entfernung und Lebensgefahr nur schwer zu ihrer Mutterkirche in Bensheim gelangen können. Sie gestatten daher mit Zustimmung des Erzbischofs auf Bitten des weltlichen Herrn in Zwingenberg, Graf Diethers v. Katzenelnbogen, dass in Zwingenberg eine Kirche mit Friedhof erbaut und ein eigener Priester bestellt wird.“

1260 teilten Diether V. und sein Bruder Eberhard I. die Grafschaft, wobei Diether Zwingenberg und Eberhard Auerbach erhielt. Zwingenberg erhielt 1274 unter Graf Diether V. durch König Rudolf I. Stadt- und Marktrechte und wurde damit die älteste Stadt an der Bergstraße. 1301 wurde Zwingenberg zerstört und ging in Flammen auf. Graf Wilhelm I. von Katzenelnbogen, Sohn Diethers V., hatte sich mit den vier rheinischen Kurfürsten verbündet und überhöhte Rheinzölle gefordert. Dies hatte den freien Handel stark geschädigt und die Kriegserklärung von König Albrecht I. zur Folge. Die Unterburg wurde zerstört.

1330 bestätigte Kaiser Ludwig der Bayer dem Grafen Wilhelm I. die Stadtrechte von Zwingenberg.

„Kaiser Ludwig bestätigt dem Grafen Wilhelm von Katzenelnbogen getreuer Dienste wegen die Freiheit, die ihm König Rudolf für Zwingenberg, und die Freiheit, die er ihm für Reichenberg verliehen hat, sowie den rheinaufwärtigen Zoll (ufganden zol) zu St. Goar, den Graf Wilhelm und seine Vorfahren vom Reiche zu Lehen besessen haben. Wer dagegen etwas unternimmt, büßt mit 100 Mark Gold, die halb an die Kammer des Reiches und halb an den Grafen fallen.“

1355 erfolgte das Eheversprechen von Wilhelm II. an Elisabeth von Hanau.

„Graf Wilhelm II. von Katzenelnbogen gelobt, Else, die Tochter des Edlen Ulrich, Herrn zu Hanau, zum Weibe zu nehmen und ihr als Wittum 400 Pfd. H. FrWr. in Korngülten und Pfennigzinsen nach Landesgewohnheit anzuweisen gemäß der Erkenntnis des Ritters Gottfried von Stockheim und der Edelknechte Konrad Emicho zum Hane und Thielmann von Boxberg. Die Gülten sollen in der Nähe des Schlosses Darmstadt fällig sein. Graf Wilhelm wird Else ferner Burg und Stadt Zwingenberg als Wittum übergeben, jedoch mit dem Vorbehalt, dass Zwingenberg von dieser Verpflichtung befreit ist, sobald er für Else in Darmstadt eine Wohnung eingerichtet hat, in der sie standesgemäß wohnen kann.“

1401 wurde der Name „Twinginburg“ verzeichnet. 1403 verpfändete Graf Johann IV. von Katzenelnbogen an Henne Weißkreis von Lindenfels Burg und Stadt Zwingenberg mit den Dörfern Eschollbrücken, das gräfliches Eigen war, Pfungstadt und Nieder-Ramstadt mit allen Rechten und Zubehör für 6.000 Gulden.

1454 Graf Philipp I. von Katzenelnbogen willigte ein, dass Hans IV. von Wallbrunn (Burgsitz von Wallbrunn) seine Frau Lucie von Reifenberg unter anderem auch auf das Haus und etliche Gärten zu Zwingenberg bewittumte, die Hans vom Grafen zu Lehen trug, jedoch unbeschadet der damit verbundenen Mannschaftsleistung.

1557 gab es in den 35 Pfarreien der Obergrafschaft nur drei „aus kirchlichen Mitteln unterhaltene – gut eingerichtete Schule(n)“, nämlich in Darmstadt, Groß-Gerau und Zwingenberg. Noch vor dem Tode des hessischen Landgrafen Philipp I. im Jahr 1567 kam eine weitere in Auerbach hinzu. Damit ist Zwingenberg nicht nur die älteste Stadt an der Bergstraße, sondern auch einer der ältesten Schulstandorte in Hessen.[5]

Bis 1479 gehörte Zwingenberg zur Grafschaft Katzenelnbogen, danach zur Landgrafschaft Hessen und ab 1567 zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, die 1806 von Napoleon zum Großherzogtum Hessen erhoben wurde.

Durch Verwüstungen während des Dreißigjährigen Krieges und die darauffolgende Pest war der Ort über Jahrzehnte fast unbewohnt und schließlich vernichtete ein 1693 von französischen Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg gelegtes Feuer die meisten Häuser. Erst nach der Französischen Revolution erholte sich die Stadt wieder.

1821 wurde Zwingenberg Sitz des Landgerichtes im neu gegründeten Landratsbezirk Bensheim, bevor es 1879 im Zuge der neuen hessischen Gerichtsverfassung in ein Amtsgericht umgewandelt wurde, das zum Landgerichtsbezirk Darmstadt als Gericht zweiter Instanz gehörte. 1902 wurde ein Teil seines Gerichtsbezirkes dem Amtsgericht in Bensheim zugeteilt und am 11. April 1934 wurde es endgültig aufgehoben.[6]

Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1829 über Zwingenberg:

„Zwingenberg (L. Bez. Bensheim) Stadt; liegt 1 St. von Bensheim an der durch die Bergstraße ziehende Chaussee, dicht am Fuße des Melibokus und 434 Hess. (334 Par.) Fuß über der Meeresfläche. Die Stadt, welche ummauert ist, hat 191 Häuser und 1445 Einw., die außer 14 Kath., 5 Mennoniten und 39 Juden lutherisch sind; unter diesen befinden sich 87 Bauern und 68 Gewerbsleute. Zwingenberg ist der Sitz des Landgerichts und des Rentamts. Jährlich werden 3 Märkte gehalten. Auch findet sich hier eine Apotheke. – Die Gemarkung von Zwingenberg, früher Twingenberg, gehörte ursprünglich zu Auerbach, und es scheint daher dieser Ort später entstanden zu seyn. Er war aber im 13. Jahrhundert schon so bedeutend, daß Graf Diether III. von Katzenellenbogen eine Kirche erbaute, in welcher nach und nach 7 Altäre gestiftet wurden. Zu dieser Zeit wird der Ort Oppidum genannt. Aber erst 1273 erhielt er vom Kaiser Rudolph I. eigentliche Stadtgerechtigkeit und die Freiheit, einen Wochen- und einen Jahrmarkt zu halten. Das Schloß, wahrscheinlich vom Grafen Diether III. erbaut, wurde in dem Kriege zwischen Kaiser Albrecht I. und dem Erzbischof Gerhard II. von Mainz 1301 zerstört, vom Grafen Wilhelm I. aber wieder aufgebaut und 1312 von Mainz lehnbar gemacht. Als adelige Burgmänner kommen nebst den Herrn von Wallbrunn und Hartenau auch die nach dem Schlosse benannten Herrn von Zwingenberg vor. Schon 1310 findet sich ein Hartmann Ritter von Twingenberg; 1384, Conrad Stumpf von Tzwingenberg und 1400 Henn von Zwingenberg. Hier wurde 1437 eine geistliche Brüderschaft gestiftet, in welche sich Graf Johann III. von Katzenellenbogen mit seiner Gemahlin Anna, aufnehmen ließ. Landgraf Georg I. ertheilte der Stadt 1574 die Freiheit, jährliche Vieh- und Krämermärkte zu halten; Landgraf Ludwig V. vermehrte die Freiheiten, und dehnte solche 1611 auch auf die Vorstadt aus. Im 30jährigen Kriege sollen 6000 Menschen, sowohl einheimische als hierher geflüchtete, auf dem Kirchhofe begraben worden seyn. Im Orleansschen Kriege 1693 wurde Zwingenberg, trotz einer Besatzung von 500 Sachsen, von den Franzosen mit Sturm genommen ,geplündert und mit Ausnahme der Kirche der Schule und 11 schlechten Häusern niedergebrannt. Hier aber, so wie an vielen andern Orten unsers teutschen Vaterlandes, ist das, was fremde Barbarei verwüstet hat, durch den unermüdeten Fleiß der Bewohner und durch die väterliche Sorgfalt der Regierung neu und schöner erstanden.“[7]

1832 wurde Zwingenberg in den Kreis Bensheim eingegliedert, ab 1938 gehörte es zum Kreis Bergstraße.[8] In der Zeit des Nationalsozialismus wurden auch hier jüdische und politisch missliebige Menschen vertrieben und deportiert. Die Synagoge wurde durch einen Zufall jedoch nicht zerstört. Sie wird heute als Wohnhaus genutzt. Ein Verein bemüht sich um ihre Wiederbelebung. 1941 wurde in der Jugendherberge ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet.

Am 14. Oktober 1894 nahm der erste Pflegedienst der Region seinen Dienst auf. Eine Schwester der Hessen-Darmstädtischen Kirche kümmerte sich in häuslicher Pflege um alte und kranke Menschen. Diese erste Diakoniestation wurde durch Spenden finanziert und am 22. Juni 1902 wurde das neu erbaute Schwesternwohnhaus eingeweiht. Auch in den Nachbargemeinden wurden im Laufe der Zeit fünf weitere Schwesterstationen gegründet, die sich 1978 zu einem Zweckverband zusammenschlossen. Die letzte Zwingenberger Gemeindeschwester, die ihren Wohnsitz im Schwesternhaus hatte, versah bis Ende der 1970er Jahre ihren Dienst. Über den Umfang der Arbeit gibt das Diensttagebuch der ehemaligen Station Auskunft; so wurden zum Beispiel im Jahr 1958 insgesamt 4284 Pflegebesuche und 30 Nachtwachen verzeichnet.[9]

Zwingenberg war im 20. Jahrhundert das Zentrum des genossenschaftlich organisierten Bergsträßer Obst- und Gemüsebaus. Die Genossenschaft mit Sitz und Markthalle in Zwingenberg hatte zu ihren besten Zeiten 7000 Mitglieder aus 263 Gemeinden. Ihr Einzugsgebiet reichte im Westen bis an den Rhein, im Norden bis an den Main und im Süden über Darmstadt bis nach Heppenheim. Begonnen hatte die organisierte Vermarktung der Produkte 1910 mit der Gründung des Obstverwertungsvereins. 1913 entstand dann eine erste Markthalle, die 1926 durch ein größeres Ziegelsteingebäude ersetzt wurde. Im selben Jahr wurde die „ Bergsträßer Obst- und Gemüsezentrale eGmbH“ gegründet. Die Genossenschaft überdauerte die beiden Weltkriege und erlebte Ende der 1950er Jahre ihre erfolgreichste Zeit. Noch 1961 wurden von den Obsterzeugern an den rund 70 Sammelstellen 82.600 Zentner Obst und Gemüse im Wert von rund 3,4 Millionen D-Mark abgeliefert. Danach ging der Obstanbau, getrieben durch fallende Preise und starke ausländische Konkurrenz, rapide zurück. Die Genossenschaft war gezwungen, ihr Einzugsgebiet zu vergrößern und siedelte nach Griesheim um.[10]

Am 28. April 1928 wurde die Bergstraße von einem katastrophalen Unwetter getroffen. „Bensheim, Auerbach, Zell, das Ried und vor allem Zwingenberg boten ein Bild der Verwüstung“. Gewittersturm und Hagel vernichteten die Hoffnung auf eine Ernte und Wassermassen wälzten sich von den Hängen der Bergstraße in die betroffenen Orte. „Zwingenberg war unpassierbar, der Platz vor dem ‚Löwen‘ sah aus wie ein ‚Felsenmeer‘ aus Pflastersteinen. Der Marktplatz und der Bereich beim Amtsgericht lagen voller Schlamm und Trümmer; auf dem Friedhof waren ‚Gräber aufgedeckt, Teile von Zinksärgen, Gebeine und Schädel freigelegt‘; Automobile steckten bis zu einem Meter tief in Schlamm und Geröll“; schrieb der Bergsträßer Anzeiger.[11]

Zwischen 1933 und 1939 zogen alle der 1933 noch aus 40 Personen bestehenden jüdischen Gemeinde Zwingenberg infolge der zunehmenden Repressalien weg oder wanderten aus. Am 19. November, einen Tag nach der Reichspogromnacht, wurden die wenigen noch in Zwingenberg lebenden Juden gezwungen, die Synagoge zu verkaufen. Diejenigen, denen es nicht gelang auszuwandern, wurden spätestens 1942 in Vernichtungslager deportiert. Von den in Zwingenberg geborenen oder längere Zeit hier lebenden Personen kamen 21 durch die NS-Gewaltherrschaft ums Leben.[12]

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges blieb Zwingenberg von Zerstörung verschont. Da es nicht verteidigt wurde, entstanden beim Einmarsch der Amerikaner keine großen Schäden. Die Einwohner hatten die Panzersperren beseitigt und weiße Fahnen gehisst.[13]

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde am 31. Dezember 1970 der heutige Stadtteil Rodau auf freiwilliger Basis eingemeindet.[14] Für den Stadtteil Rodau wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.[15]

Zwingenberg feierte 1974 die Verleihung der Stadtrechte vor 700 Jahren. Das Ereignis wurde durch die Herausgabe einer Chronik und mit vielen Veranstaltungen begangen. Der Bergsträßer Anzeiger schrieb zu 700-jährigen Jubiläum: „Das erfüllt die Zwingenberger nach wie vor mit Stolz – vor allem, weil man im Zuge der Gemeindegebietsreform in den 1970er-Jahren nicht als Stadtteil einem anderen Gemeinwesen zugeschlagen wurde, sondern bis heute selbstständig geblieben ist. Dass man – wie beispielsweise das größere Auerbach – heute nicht von Bensheim aus ‚regiert‘ wird, wurde seinerzeit durch die Eingemeindung des Dorfes Rodau nach Zwingenberg verhindert“. 25 Jahre später im Jahr 1999, zum 725. Stadtrechtsjubiläum wurde erneut gefeiert, dieses Mal mit einem Historienspiel, bei dem die Übergabe der Stadtrechtsurkunde eine zentrale Rolle spielte und an dem auch Kommunalpolitiker mitwirkten.[16]


Text: Wikipedia

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